Geschichte vor Ort erleben – Zeitzeugen berichten an der ROS von ihren persönlichen Erlebnissen aus der Vergangenheit

Mittwoch, 06.06.18: Bereits zum vierten Mal hintereinander organisierte Frau Pelteki gemeinsam mit Herrn Ernst Göckus, Mitglied des Seniorenbeirates der Stadt Siegen, eine Zeitzeugenbefragung für die Jahrgangsstufen 10. In zwei Gruppen aufgeteilt, warteten die Schülerinnen und Schüler gespannt auf die Erzählungen der Gäste. Herr Göckus leitete die Zeitzeugenbefragung zum Thema Kriegsende ein und berichtete spannend davon, wie er die ersten Nachkriegsjahre als Kind erlebte. Im Vergleich zu vielen anderen damaligen Familien, hatte es seine Familie „gut“, denn sie hatten immer genug zu essen und genug Brennholz, um nachts nicht frieren zu müssen. Bilder vom zerstörten Siegen, die Herr Göckus mit sich führte, verhalfen den Schülerinnen und Schülern dabei, eine andere Vorstellung von ihrer sonst bekannten Heimatstadt zu erhalten.

Mit dem Wirtschaftswunder in den 50er/60er Jahren in Deutschland, kamen auch die ersten „Gastarbeiter“. Dazu zählte auch Herr Alfonso Lopez Garcia, der sich aus finanziellen Gründen entschied nach Deutschland auszuwandern und hier ein neues Leben zu beginnen. Das Mittel zur Integration ist das Erlernen der deutschen Sprache, wie Herr Garcia betonte. Auch wenn er durchaus rassistische Erfahrungen kurz nach seiner Ankunft machen musste, sei es, dass er zum Beispiel, keine Disco als Spanier besuchen durfte, so hat er hier eine „neue Heimat“ gefunden und möchte die Stadt Siegen nicht mehr missen.

Die Klassen 10c und 10d trafen im Musikraum auf Frau Maria Czell und Herrn Jochen Münch. Während der Münch über den Alltag in der DDR berichtete, referierte Frau Czell über das Thema „Flucht und Vertreibung“. Bei Kriegsende 1945 musste Frau Czell im Kindesalter mit ihrer Familie aus Siebenbürgen vor den Russen fliehen. Sie packten all ihr Hab und Gut und machten sich auf den Weg Richtung Deutschland. Auch wenn die Flucht beschwerlich war und man zwischendurch Hunger leiden musste, verlief die Eingewöhnungsphase in Deutschland gut, da sie sie und ihre Familie bereits die deutsche Sprache beherrschten.

Den Abschluss beider Zeitzeugenbefragungen bildete eine rege Diskussion, in der die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 10 die Möglichkeit hatten, persönlich Fragen an die Gäste zu stellen und noch weitere historische Fakten zu erfahren.

Die Fachschaft Geschichte bedankt sich herzlich bei den Zeitzeugen, die sich bereit erklärt haben, ihre persönlichen Geschichten weiterzuerzählen.

Lebendige Vergangenheit an der Realschule Am Oberen Schloß

Mitglieder des Siegener Seniorenbeirates als Zeitzeugen im Geschichtsunterricht.

Lebendige Vergangenheit, dies stand wieder einmal auf dem schulinternen Lehrplan der Schule im Fach Geschichte. Vier Mitglieder des Seniorenbeirates brachten jüngste Geschichte im Sinne originaler Begegnung anschaulich in den Fragehorizont der Schüler. Die Schüler der vierzügigen Jahrgangsstufe 10 konnten zwischen zwei Schwerpunkten wählen – Flüchtlingselend sowie Leben in der damaligen DDR für die eine Gruppe, Wiederaufbau, Kalter Krieg sowie erste ausländische Arbeitnehmer in Deutschland waren Thema in der Gruppe zwei. Die Lehrkräfte Kalliopi Pelteki sowie Doreen Adler und Stephanie Christ hatten einen gezielten Fragenkatalog vorab im Unterricht zu sämtlichen Themen erarbeitet und den Mitgliedern des Seniorenbeirates vorab zur Vorbereitung übermittelt. Beide Gruppen waren zahlenmäßig etwa gleich stark.

Flucht und Vertreibung, diese schmerzhaften Erfahrungen ließ Frau Dr. Maria Czell die Schüler hautnah erleben. Im September 1944 ist die Zeitzeugin mit ihrer Familie aus Siebenbürgen bis nach Oberösterreich geflohen. „Wir mussten unser Zuhause von jetzt auf gleich verlassen und konnten nur das Nötigste mitnehmen.“  Der NS-Propaganda über Frontbegradigung und raschen Gegenschlag  glaubte bald niemand mehr. In eindrucksvoller und authentischer Form berichtet die Zeitzeugin von ihren Erlebnissen und hebt hierbei immer wieder den aktuellen Bezug zur Gegenwart hervor.

„Es ist verblüffend, wie viele Parallelen es dabei zu den Erfahrungen derjenigen Menschen gibt, die heute als Flüchtlinge zu uns kommen“, betont Maria Czell. „Nämlich die Angst vor der lebensbedrohenden Grausamkeit des Feindes, quälende Furcht vor dem Ungewissen, die Entbehrungen durch Hunger und mangelnde Hygiene.“ Unzureichende Bekleidung sowie primitivste Schlafgelegenheiten unterwegs haben sich bei der Zeitzeugin nachhaltig eingeprägt. Die große Trauer um den Verlust aller Habe und auch von Menschen kamen verstärkend hinzu. „Zum Glück gab es auch Menschen, die uns auf unserer Fluchtstrecke hilfreich unterstützten.“  So erhielten die Kinder gelegentlich ein Glas Milch mit Honig, konnten eine Badewanne benutzen und sogar wieder in einem richtigen Bett schlafen. „Das war für mich das Himmelreich“. weiß sich die Zeitzeugin dankbar zu erinnern.

„Die Aufnahme in Oberösterreich war zunächst alles andere als freundlich. Die Zuweisung in Wohnquartiere erfolgte nicht selten unter Polizeischutz, da sich die betroffenen umliegenden Bauern oft weigerten, Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Die geringsten Berührungsängste hatten immer noch die Kinder untereinander. Aus Anfeindung und Misstrauen entwickelte sich erst allmählich Duldung und Entgegenkommen.“

Die Schüler lauschten ganz gespannt und hatten danach viele Fragen an die Zeitzeugin. Deren Ziel war es, die jungen Menschen für das Flüchtlingsschicksal zu sensibilisieren, unmittelbare Betroffenheit zu erzielen und zum Nachdenken anzuregen.

Über das Leben in der DDR berichtete Dr. Jochen W. Münch, 1937 in Dresden geboren.  „Die Unsicherheit nach Kriegsende war groß, Menschen wurden ohne ersichtlichen Grund abgeholt, entweder erschossen oder zwangsdeportiert. Aufgrund schlechter Erfahrungen ging man als Kind den russischen Soldaten möglichst aus dem Weg. Privateigentum wurde nach Willkür konfisziert. Auch kleinere Betriebe mussten einen Teil ihrer Ernte an staatliche Läden abliefern.“ So etwa der Großvater des Zeitzeugen, der einen Obst- und Gemüsegarten von gerade einmal 1800 qm hatte. Ein Onkel des Zeitzeugen weigerte sich als Bahnhofsvorsteher für die Sowjetunion bestimmte Industriegüter auf einem maroden Gleis fahren zu lassen. „Die Russen hielten dies für Sabotage und warfen ihn für 14 Tage ins Gefängnis und folterten ihn.“

Anschließend sprang der Zug auf besagtem Gleis von den Schienen.

Der erzwungene Zusammenschluss von SPD und KPD zur SED führte dazu, dass diese die beherrschende Partei bis zum Mauerfall war. „Bürger wurden intensiv darauf hingewiesen doch frei zu wählen, d.h. ihre Wahlzettel außerhalb der Wahlkabine frei zu markieren.“ Später stellten sich eine Reihe der Wahlergebnisse von über 90 % Zustimmung für die SED als Fälschung heraus.

Drei Jahre nach ihrer Flucht konnte die Familie des Zeitzeugen wieder zu Besuchen in die DDR einreisen. Dies war stets mit einem hohen Aufwand an Bürokratie, Kontrollen sowie gelegentlichen Schikanen verbunden. „Eine meiner Cousinen bat mich, sie nicht zu besuchen, da sie bei Westbesuch Probleme mit der SED-Politführung bekäme.“ Dr. Münch schildert zahlreiche Beispiele für Mangelwirtschaft in der DDR. „Oft war nur wenig oder keine Ware vorrätig. Wo sich eine Schlange vor einem Geschäft bildete stellte man sich an ohne zu wissen, was es zu kaufen gab. Es könnte ja nützlich sein.“ Westliche Besucher, welche die vorgeschriebenen Zwangsumtauschbeträge ausgeben wollten, fanden praktisch nichts, was von Wert war. Hochwertige Güter gab es lediglich im Intershop gegen Devisen, vor allem gegen Westmark zu kaufen. Mit der DM konnte man unter der Hand Reparaturleistungen und Material, welches es angeblich nicht gab, erhalten.“  Freie Studien- und Berufswahl blieben nicht selten auf der Strecke und führten dazu, dass sich die betreffenden Personen in ihrem späteren Beruf unglücklich fühlten.

„Ihr seid die künftigen Staats- und Verantwortungsträger“, appellierte Dr. Münch an die Schüler.  „Engagiert euch und habt Mut zur Verantwortung.“

Wiederaufbau und Ost-West-Konflikt, hierüber berichtete Ernst Göckus aus eigenen Erfahrungen. Seine Familie hatte es Anfang 1945 aufs Land gezogen, noch bevor die Weidenauer Wohnung kurz vor Kriegsende durch eine alliierte Luftmine dem Erdboden gleich gemacht wurde

„Besonders bedrückend und quälend war die Wohnungsnot in den ersten Nachkriegsjahren, Viele Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene hausten in einem Zimmer, in dem sich das ganze tägliche Leben abspielte. Zwei Zimmer auf dem Bauernhof meiner Großeltern war schon etwas Besonderes“.

Samstags ging es in die Zinkbadewanne, gleiches Wasser für mehrere Kinder nacheinander. Tauschgeschäfte jeglicher Art blühten, da die alte Reichsmark nur noch einen äußerst geringen Wert hatte. Nebenwährung waren amerikanische Zigaretten, für die man vieles bekommen konnte. „Als Kinder begaben wir uns häufig auf die Suche nach Altmetallen, besonders beliebt waren Kupfer, Zink und Blei.“

Erwachsene wie Kinder konnten sich nicht satt sehen, als sich unmittelbar nach der  Währungsreform die Schaufenster schlagartig füllten.

Ganz hoch im Kurs stand die elektrische Eisenbahn. Vor Weihnachten drückten sich viele Kinder die Nasen an den Schaufenstern eines Spielwarengeschäftes platt, als die Züge ihre Runden machten.

„Da habe ich doch tatsächlich mehrere Loks meiner elektrischen Eisenbahn gegen Zigaretten eingetauscht, was wären diese Maschinen wohl jetzt nach der Währungsreform wert?“, so erinnert sich ein junger Familienvater mit Wehmut. Dies war bestimmt kein Einzelfall.

Ein Facharbeiter verdiente kurz nach der Währungsreform etwa 250 DM im Monat. Das damals teuerste deutsche Auto, ein Opel Kapitän, kostete rund 9800 DM, verfügte über 55 PS und war 126 km/h schnell. Die wöchentliche Arbeitszeit lag noch bei 48 Stunden. Die Löhne stiegen langsam an. Rund 80 % der Kinder besuchten damals die 8-jährige Volksschule. Auf dem Land waren sämtliche Jahrgänge in einem Raum zusammengefasst, rund 60 Schüler wurden von einem Lehrer unterrichtet. Diese Pädagogen hatten in der Tat die Bezeichnung „Schulmeister“ verdient. Es war Tradition, dass der Lehrer von der jeweiligen Hausschlachtung einen Teil abbekam. Der Zugang zum Gymnasium führte über eine 3-tägige Aufnahmeprüfung, das Schulgeld lag bei 20 DM monatlich, hinzu kamen beträchtliche Beträge für Schulbücher. Klassenstärken bis zu 50 Schülern waren keine Seltenheit. Heimatfilme für die Älteren und Wild-Westfilme für die jüngere Generation standen an Wochenenden hoch im Kurs. Sonntags zog es auf die Fußballplätze, bei Spitzenspielen im Siegerland kamen bis zu 8.000 Zuschauer. Der unvergessliche Höhepunkt war die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Weiter entfernte Reiseziele entwickelten sich mit steigender Kaufkraft nach und nach. Ein Plakat zur Bundestagswahl 1957 zierte der Kopf des damaligen Bundeskanzlers mit dem Titel „Keine Experimente“.

Zur gleichen Zeit war der Ost-West-Konflikt in vollem Gange. Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der damaligen DDR wurde durch sowjetische Panzer brutal niedergeschlagen. In DDR Schulbüchern wurde die Sowjetunion für „brüderliche Hilfe“ gegen westliche Faschisten gelobt. Vor dem Hintergrund wachsender Bedrohungsgefühle wurde die Diskussion um eine deutsche Wiederbewaffnung leidenschaftlich geführt, dies auch bis in die Wohnzimmer hinein.

Durch den Bau der Berliner  am 13. August 1961 Mauer verstärkten sich bei vielen Menschen Angst und Unsicherheit.

„Alle Achtung, dass Sie sich heute noch einen wissenschaftlichen Vortrag anhören wollen“ bemerkte ein Naturwissenschaftler am 26. Oktober 1962  abends zu uns als Schülergruppe auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise. Am nächsten Tag war noch eine Klassenarbeit in  einem Hauptfach fällig. „Bekommen wir die wohl noch zurück?“ fragte ein Mitschüler. Ein gewisses Verlegenheitslachen war die Antwort.

„Erst später wurde uns allen deutlich, wie nahe wir wirklich am Abgrund gestanden hatten.

Die paradoxe weltpolitische Situation wurde uns allen bewusst. Es war die Atombombe selbst, welche die Großmächte davon abhielt, einen Dritten Weltkrieg zu riskieren.“ Die Sinnlosigkeit jeder Art von kriegerischer Auseinandersetzung zeigte sich nochmals nachhaltig am Beispiel des Vietnamkrieges. Diese Einsicht verstärkte sich vor dem Hintergrund gegenwärtiger wahnsinniger kriegerischer Auseinandersetzungen.

Alfonso Lopez Garcia kam 1963 von Bilbao nach Siegen. Als Kind hatte er eine Dorfschule für Jungen besucht, in welcher von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum unterrichtet wurde. Mit diesem Zeitzeugen stand ein Mann der ersten Stunde Rede und Antwort. Aus seiner Sicht wurden die ersten Migranten unterschiedlich in Deutschland aufgenommen. So waren die ersten Jahre in Deutschland nicht frei von Ressentiments und Intoleranz. „Ausländische Gäste nicht erwünscht“, an diese Restriktion kann er sich noch gut erinnern. „Wirtschaft und Politik mussten erkennen, dass sie Arbeitskräfte geholt hatten, aber Menschen gekommen waren.“ Die Verständigung erfolgte zunächst lediglich durch Mimik und Gestik. „Anfangs wohnte ich in einer Arbeiterbaracke zusammen mit einem Italiener. In einem Raum haben wir gekocht, gewohnt und geschlafen.“ In guter Erinnerung hat Alfonso Lopez Garcia auch positive Beispiele. „Nach einem Gottesdienst sprachen mich zwei junge Männer an und luden mich zu Aktivitäten des CAJ (Christliche Arbeiterjugend) ein. Das war für mich belebend und schön. Diese Freundschaft besteht auch heute noch.“

Zunächst fanden sich nur Gelegenheitsarbeiten, schließlich aber auch feste Anstellungen. In einem berufsbegleitenden Studium qualifizierte sich Alfonso Lopez Garcia zum Diplom-Sozialarbeiter und fand eine Anstellung im Siegener Caritasverband. Mit Dankbarkeit und Stolz blickt er auf die Möglichkeiten beruflichen Fortkommens zurück, welche ihm in Siegen geboten worden waren. „Macht was aus euch“ riet er den Schülern der Jahrgangsstufe 10 eindringlich. Alfonso Lopez Garcia, mit einer Spanierin verheiratet, und inzwischen vierfacher Großvater besitzt beide Staatsangehörigkeiten. „Mein Mutterland ist Spanien, mein Vaterland ist Deutschland.“ Gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Wertschätzung sind ihm ein zentrales Anliegen. „Die Bevölkerung muss das Anderssein der Einwanderer als Selbstverständlichkeit akzeptieren und auch schützen.“ Zugleich hofft er „dass die Einwanderer selbst diese Akzeptanz fördern und sich an diesem Prozess aktiv beteiligen“.

Diesen Appell untermauert er abschließend  stimmgewaltig mit der spanischen Version von Schillers Hymne „An die Freude“.

Die durchgehend gespannte Aufmerksamkeit, die vielfältigen Fragen und positiven Rückmeldungen der Schüler und Lehrer ermutigen zur Fortsetzung, Erweiterung und Vertiefung derartiger Zeitzeugenprojekte. In diesen Veranstaltungen konkretisiert sich ein zentrales Anliegen des Siegener Seniorenbeirates, nämlich Alt und Jung in einem förderlichen Sinne zusammen zu bringen. Nähere Auskünfte: Regiestelle Leben im Alter, Rathaus Siegen-Weidenau, Telefon: 4042200 und 4042146

Gespannt verfolgen die Schülerinnen und Schüler die Zeitzeugenberichte von Dr. Maria Czell und Dr. Jochen Münch.

Alfonso Lopez- Garcia Dr. Maria Czell, Ernst Göckus und Dr. Jochen Münch stellen sich den Schülerinnen und Schülern als Zeitzeugen.

Fotos: Hans Amely, Seniorenbeirat

Die 7b auf den Spuren von Anne Frank

Am letzten Freitag besuchte die Klasse 7b die Wanderausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“, die noch bis zum 25. März in der Sparkasse Siegen zu sehen ist.
Die Schülerinnen und Schüler wurden dabei von ausgebildeten Peer Guides durch die Lebensgeschichte von Anne Frank begleitet; die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Bedeutung von Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie.

Die Klasse hatte sich schon früher im Unterricht mit dem jüdischen Mädchen, ihrem Tagebuch und dem Leben im Hinterhaus-Versteck in Amsterdam beschäftigt und die Bedeutung ihrer Lebensgeschichte für die heutige Zeit erkannt.
„Hätte Annes Vater ihr Tagebuch nicht veröffentlicht, hätten wir nichts von ihr und ihrer Geschichte erfahren. Man darf nie aufgeben und so etwas wie damals darf nie wieder passieren. Teşekküler Otto Frank.“ (Ayşen, 7b)

Das Tagebuch des jüdischen Mädchens Anne Frank (1929-1945) ist Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten und intimes Dokument der Lebens- und Gedankenwelt einer jungen Schriftstellerin. In der Ausstellung erzählen große Bildwände von ihrem Leben und ihrer Zeit: von den ersten Jahren in Frankfurt am Main und der Flucht vor den Nationalsozialisten, über die Zeit in Amsterdam – glückliche Kindheit und schwere Zeit im Versteck – bis zu den letzten schrecklichen sieben Monaten in den Lagern Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen. Viele private Fotos erlauben einen ganz intimen Einblick in das Leben der Familie Frank und ihrer Freunde. Die persönliche Geschichte Anne Franks wird in der Wanderausstellung verbunden mit der Geschichte der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, der Judenverfolgung, des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs. Neben der Perspektive der Verfolgten und ihrer Helfer wird auch die von Mitläufern und Tätern dargestellt.

Erfolgreiches Zeitzeugenprojekt an der Realschule am Oberen Schloss

Mitglieder des Siegener Seniorenbeirates vermittelten Geschichte hautnah.
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Der Musikraum der Schule ist nahezu bis auf den letzten Platz gefüllt. Gespannt blicken rund 90 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 nach vorne, als Dr. Maria Czell, Helmut Plate und Ernst Göckus auf dem Podium Platz nehmen. Flucht und Vertreibung, Stunde Null, Wiederaufbau sowie Kalter Krieg sind die Themen. Diese waren im Geschichtsunterricht von Frau  Kalliopi Pelteki und Herrn  Burkhard Leidig vorab erarbeitet worden ,und ein umfassender  gehaltvoller  Fragenkatalog wurde erstellt.

Dr. Maria Czell, in Siebenbürgen geboren, kann sich nochlebhaft  an viele leidvolle Geschehnisse erinnern. „Wir mussten Haus und Hof Hals über Kopf verlassen, die NS-Propaganda wollte uns einreden, dass wir bald wieder zurückkommen würden. Daran jedoch glaubte schon nach kurzer Zeit niemand mehr.“ Viele Bilder aus Flucht und Vertreibung haben sich bei ihr nachhaltig eingeprägt. „Nach über zwei Wochen voller Strapazen wurden wir kurzfristig von hilfreichen Menschen aufgenommen, es gab warme Milch mit Honig, wir konnten ein Bad benutzen, unsere Kleidung in Ordnung bringen und schliefen sogar in einem sauberen Bett. Das war für mich das Himmelreich.“  Die Hölle lag aber auch dicht daneben. Übernachtungen in einem Rinderstall, wo sie als Flüchtlinge panikhaft versuchten, sich vor den Tritten der Tiere in Sicherheit zu bringen. „Wir litten ständig unter quälendem Hunger, Zwieback gab es nur für Kinder bis zu 2 Jahren“, weiß sich die damals Vierjährige zu erinnern. Die Angst, zwischen den  militärischen Fronten in eine Falle zu geraten, nahm immer mehr zu. Luftangriffe durch die Rote Armee verdichteten sich, oft mussten sie in Getreidefeldern in Deckung gehen, stets in der Gefahr ,bei geringsten Bewegungen von oben erkannt zu werden. „Ein Mann wurde erschossen, als er die Zugtiere füttern wollte, und eine Frau nahm sich aus Verzweiflung das Leben… Die Aufnahme in Oberösterreich war anfangs alles andere als freundlich. Die Zuweisung in Wohnquartiere bei den umliegenden Bauern erfolgte nicht selten unter Polizeischutz, da niemand freiwillig Räumlichkeiten zur Verfügung stellen wollte. Die aufnehmenden Osterreicher waren zwar häufig gehässig und abweisend zu uns, es kam allerdings nie zu Gewalttaten.“Die Kinder hatten immer noch die geringsten Berührungsängste ,und allmählich verbesserte sich das Verhältnis zu den Einheimischen. Im Gegensatz zu heute lag der Vorteil für sämtliche Beteiligten allerdings auch in der gemeinsamen Sprache. Mehrfach hat Maria Czell ihre alte Heimat besucht, es hat sich jedoch viel verändert.

Helmut Plate war gerade 9 Jahre alt, als er das Kriegsende in der Siegener Numbach erlebte. Unmittelbar vor dem Zusammenbruch verbrachte er 14 Tage im Stollen. Sein Großvater hatte noch trotz herannahender Flieger die Ziege füttern wollen. Als es dann Fliegerentwarnung gab, fanden sie ihn tot. Das Haus war dem Erdboden gleich gemacht. Eindrucksvoll veranschaulichte Helmut Plate den Gegensatz zwischen einer idyllischen Postkarte aus der Vorkriegszeit und den Trümmerfeldern in der Numbach bei Kriegsende. „Das Wichtigste für uns war Essen, etwas zum Anziehen und wieder ein Dach über dem Kopf. Aus alten Wehrmachtsbeständen wurden Mäntel, Jacken und Hosen gefertigt, und ich ging regelmäßig in alten Holzpantinen zur Kirche und zur Schule. Nachmittags wurden am Betramsplatz Ziegelsteine geputzt, welche mein Vater dann per Handwagen zur Numbach transportierte. Holz wurde aus dem Wald geholt und als Baumaterial verarbeitet. Zu Weihnachten 1945 hatten wir dann wieder ein gemeinsames Dach über dem Kopf.“ Not macht erfinderisch, dies belegte der Zeitzeuge anhand selbst gefertigter Metallgefäße und Essgeräte. Einige Ziegen, ein Schwein und später eine Kuh sicherten das Überleben in den folgenden Hungerwintern, und schließlich konnten wieder in bescheidenem Maße Getreide und Kartoffeln angebaut werden. „Not schweißt zusammen, wir hatten alle die gleichen Sorgen“, so brachte Helmut Plate das damalige Miteinander auf den Punkt.

Das persönliche Erleben des Kalten Krieges wurde wie bereits bei früheren Zeitzeugenprojekten anhand der Ereignisse des 17. Juni, des Mauerbaus, der Kuba-Krise, aber auch anhand des Vietnamkrieges verdeutlicht. Die Sinnlosigkeit jeglichen Krieges geriet damit noch einmal nachdrücklich in den Wahrnehmungshorizont der Schüler. Erweiternd hinzu kamen noch persönliche Erlebnisse eines Zeitzeugen aus seiner damaligen Bundeswehrzeit, insbesondere strenge Bereitschaftsdienste an Wochenenden und Feiertagen, Alarmübungen  sowie scharfe Sicherheitsvorkehrungen. Auch subtile Strategien des verdeckten Kampfes, wie Tatsachen verdrehende Propaganda,  gezielte Provokationen  sowie Einschüchterungs- und Zermürbungstaktiken wurden anhand von Beispielen veranschaulicht.

In der anschließenden lebhaften Diskussion bewiesen die vielfältigen Beiträge der Schülerinnen und Schüler  tiefe persönliche Betroffenheit , hohes Problembewusstsein und engagierte Beteiligung.

Auch andere Schulen werden ausdrücklich ermutigt, von diesem Angebot des Siegener Seniorenbeirates Gebrauch zu machen. Es steht inzwischen ein beträchtlicher Katalog zeitgeschichtlicher Themen bereit. Nähere Auskünfte: Regiestelle Leben im Alter, Telefon 404-2220.

Ernst Göckus

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Gespannt und aufmerksam verfolgen die Schülerinnen und Schüler die Zeitzeugenberichte von Helmut Plate,  (l.) Dr. Maria Czell und Ernst Göckus

Foto: Seniorenbeirat

27. Mai 2015: Geschichtstag – Geschichte hautnah erleben – Besuch der Gedenkstätte Buchenwald

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Wie auch in den Jahren zuvor, fahren die 10er Klassen der ROS in das Konzentrationslager nach Buchenwald, nur 8km von Weimar entfernt. Wir, die 10a und 10b trafen uns um 5.30 Uhr am Siegener Busbahnhof. Dort haben wir dann auf die zwei Reisebusse gewartet. Um 6.00 Uhr ging es endlich los. Nach knapp vier Stunden Fahrt sind wir dann in Weimar angekommen. Auf dem Weg dorthin, konnten wir bereits einen Teil der Gedenkstätte sehen. Ein Mahnmal in Form eines Turms erinnert an die zahlreichen Opfer des Zweiten Weltkrieges. In Weimar machten wir dann eine zweistündige Pause, in der wir Zeit hatten, die historische Altstadt zu erkunden und uns auf den Spuren von Schiller und Goethe zu begeben.

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Um 12.00 Uhr ging es dann weiter nach Buchenwald. Es war ein sehr bedrückendes Gefühl. Dort angekommen, versammelten wir uns an einem Platz, auf dem noch ehemalige SS-Häuser standen. Diese sind mittlerweile u.a. als Bibliothek und „Kinosaal“ umfunktioniert. Im Kino begann auch unsere Führung. Es wurde uns ein 30 Minuten langer Film über das Gelände des Konzentrationslagers gezeigt. Dort erhielten wir bereits einen ersten Einblick über die Opferzahlen sowie die Einteilung der Gefangenen in unterschiedliche „Rassen“ bzw. Gruppierungen. So wurden beispielsweise zwischen Juden, Schwulen, Kriminellen u.s.w. unterschieden. Alle trugen unterschiedliche Abzeichen, die unterschiedliche Farben hatten. In dem KZ befanden sich nur Männer.

Danach begann unsere eigentliche Führung mit unserem Reiseleiter. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und erkundeten gemeinsam einen Teil des insgesamt 4km langen und 2km großen Geländes. Es war ziemlich kalt und windig. Das Gelände war äußerst leer und ein Großteil der ehemaligen Gebäude, z.B. SS-Häuser, Gefangenenlager oder Schlafplätze, waren bereits abgerissen, da sie größtenteils am Ende des Kriegs zerstört wurden. Im Laufe der Führung gelangten wir dann ins Krematorium, wo die Häftlinge verbrannt wurden. Eine Etage tiefer befand sich der Leichenkeller. Die Stimmung war äußerst bedrückend und viele von uns konnten es nicht fassen, dass Menschen zu „so etwas fähig“ waren. Im Gebäude neben dem Leichenkeller befand sich der „Pferdestall“. Das Haus wurde als Arztpraxis ausgegeben. Doch in Wirklichkeit wurden mit den Menschen Versuche unternommen, so spritzte man Schwulen z.B. Hormone. Im Anschluss wurden die Menschen jedoch darin erschossen. Der Raum bestand lediglich aus weißen Fließen und Haken, die an der Wand hingen.

Buchenwald--KZ-Tor

Danach durften wir das Gelände noch selbstständig erkunden. Viele von uns besichtigten noch die Zellen, die menschenunwürdig waren. Darin war nur ein Holzbrett, das als Bett diente. Normalerweise passt da nur ein Häftling rein, doch zur NS-Zeit waren bis zu 10 Menschen in einer dieser Zellen eingesperrt. Als Folge brachen viele Krankheiten aus oder man starb vor Erschöpfung oder Hunger.

Nach einer halben Stunde haben wir uns dann am Bus getroffen und haben die Rückreise angetreten. Alle waren ruhig und in sich gekehrt. Um 20.00 Uhr sind wir erschöpft in Siegen zurück gekehrt.

Wir bedanken uns bei folgenden Lehrerinnen: Frau Pelteki, Frau Überschär und Frau Betz-Geile. Auch beim Busunternehmen, das uns sicher hin und zurück gebracht hat.

 

Nora Kemper, Hella Hebel, Julia Köster (10b)