Neueste Geschichte hautnah erlebt

Erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Siegener Seniorenbeirat und der Realschule Am Oberen Schloss

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Lebendige Vergangenheit, dies stand nunmehr auf dem Lehrplan der Schule im Fach Geschichte in der Jahrgangsstufe zehn. Mitglieder des Siegener Seniorenbeirates brachten jüngste Geschichte lebendig in den Erfahrungshorizont der jungen Leute. Thematischer Rahmen waren Kriegsende und unmittelbare Nachkriegszeit, Kalter Krieg sowie erste ausländische Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland. Vorab hatten die Klassen 10a und 10b gemeinsam mit Frau Überschär und Frau Pelteki einen Fragenkatalog erstellt.

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Klaus Müller, Jahrgang 1934, kann sich noch genau an die Schrecken des 16. Dezember 1944 erinnern; zugleich war dies der Geburtstag seines Vaters. „Es hatte schon Entwarnung gegeben, und wir waren alle erleichtert, als aber dann plötzlich Vollalarm ausgelöst wurde. Kurze Zeit später war die Stadt ein einziges Feuermeer, und vor meinen Augen stürzten brennende Kirchtürme und mehrstöckige Häuser ein. Zahlreiche Gebäude brannten lichterloh, und wir hörten verzweifelte Schreie von Menschen in Todsangst“. „Trotzdem“, so Klaus Müller, „erging sich der großdeutsche Rundfunk weiterhin in Durchhalteparolen mit Blick auf den Endsieg. Wir wussten es allerdings besser, weil wir heimlich einen englischen Nachrichtensender gehört hatten, was mit der Todesstrafe bedroht war.“

Eindringlich schildert Klaus Müller anschließend den teilweise brutalen Verteilungswettkampf unmittelbar nach der Stunde Null und von seinem vermissten Bruder, im Krieg in russische Gefangenschaft kam und erst 1952 nach Hause kehrte.

Viele Ereignisse des Kalten Krieges waren noch tief in der Erinnerung der Zeitzeugen verwurzelt, insbesondere der Einsatz sowjetischer Panzer gegen wehrlose Demonstranten in Ostberlin.Von besonderem Interesse war die Frage der Schüler nach Furcht vor unmittelbarer Bedrohung und Angst vor einem nuklearen Krieg. Keine der Großmächte durfte einen Atomkrieg riskieren, er hätte das Ende der Menschheit bedeutet. In den Tagen vor dem Höhepunkt der Kuba-Krise am 27.Oktober 1962, so erinnert sich Ernst Göckus, stand eine Klassenarbeit in Französisch an. „Herr Studienrat, erhalten wir diese noch zurück, bevor es zum großen Knall kommt?“ fragte einer der Schüler mit hintersinnigem Humor. Lerngruppe wie Lehrer setzten allerdings hoffnungsvoll auf das besonnene Einlenken der weltpolitischen Entscheidungsträger. Erst später wurde allen deutlich, wie nahe die Menschheit wirklich am Abgrund gestanden hatte.
Erste ausländische Arbeitnehmer in Deutschland, dieses Thema hatte Premiere auf der Agenda des Zeitzeugenprogramms. Mit Alfonso Lopez-Garcia, Mitglied im Siegener Seniorenbeirat, stand einer der ersten spanischen Gastarbeiter Siegens den Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort. Er konnte sich noch genau an die strenge Franco-Diktatur erinnern. Da seine Familie nicht genug Geld hatte, musste er sein Philosophie-Studium aufgeben und entschied sich 1963 nach Deutschland zu kommen, um eine Arbeit zu finden. Die Einreise erwies sich als schwierig: Lopez-Garcia musste viele bürokratische Hemmnisse überwinden, hielt sich zu Beginn mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er eine feste Anstellung fand.

In einem berufsbegleitenden Studium qualifizierte er sich nach einigen Jahren zum Diplom-Sozialarbeiter und fand eine Anstellung im Siegener Caritasverband. „Macht was aus euch“, riet er den Schülern der Jahrgangsstufe 10 eindringlich. Alfonso Lopez-Garcia, mit einer Spanierin verheiratet und inzwischen Großvater, besitzt beide Staatsangehörigkeiten. „Mein Mutterland ist Spanien, mein Vaterland ist Deutschland“, betonte Lopez-Garcia, zugleich Vorsitzender des interkulturellen Netzwerkes Siegen. Die ersten Jahre in Deutschland waren nicht frei von Rassismus und Intoleranz. „Ausländische Gäste nicht erwünscht“, an diese gelegentlichen Anfeindungen kann er sich noch gut erinnern. Gerade deswegen ist ihm gegenseitiger Respekt und gegenseitige Achtung ein besonderes Anliegen. Seine Ausführungen gipfelten noch einmal in einem eindrücklichen Appell zur Toleranz und gemeinsamer Wertschätzung. „Wir sind alle verschieden und dadurch alle gleich“, war seine zentrale Botschaft.

Die vielfältigen Fragen und positiven Rückmeldungen durch Schüler und Lehrerschaft zeigten, dass die Zeitzeugenbefragung sehr positiv aufgenommen wurde.

In derartigen Veranstaltungen konkretisiert sich zugleich ein zentrales Anliegen des Siegener Seniorenbeirates, nämlich Alt und Jung in einem förderlichen Sinne zusammen zu bringen.

Nähere Auskünfte: Regiestelle Leben im Alter, Rathaus Siegen-Weidenau, Telefon 4042202.

Ernst Göckus